Bei chronischen Schmerzen entsteht ein Schmerzgedächtnis

Unglaublich, aber wahr: Rund 40 Prozent aller Menschen mit chronischen Schmerzen sind nicht in ärztlicher Behandlung. Sie ertragen die Schmerzen und jeder Tag wird zur Qual. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage unter knapp 2000 Schmerzpatienten, die im Auftrag der Initiative „Wege aus dem Schmerz“ durchgeführt wurde.

Der Patient lernt, das Leben wieder zu genießen. Bald machen auch Ausflüge wieder Freude

Unser Gesundheitssystem ist nicht eingerichtet auf Schmerzpatienten. Chronischer Schmerz wird immer noch als Zeichen einer anderen Krankheit betrachtet – und nicht als eigene Schmerzkrankheit. Auch viele Ärzte kennen sich damit gar nicht aus. Im Studium sind chronische Schmerzerkrankungen kein Pflichtfach.

Für die Betroffenen ist die Lebensfreude meistens dahin. Viele Schmerzpatienten ziehen sich immer mehr zurück. Sie gehen nicht mehr ins Theater, treiben keinen Sport mehr, treffen sich nicht mehr mit Freunden. Die Folgen sind fatal: Die Kondition leidet, die Laune sinkt, Depressionen entstehen. Und das Schlimmste ist: Die Schmerzen werden auch nicht weniger.

Denn bei chronischen Schmerzen ist ein Schmerzgedächtnis entstanden. Die Ursache: Tut es ständig weh, verändert sich die Bereitschaft der Nervenzellen, auf den nächsten Schmerz zu reagieren. Sie werden empfindlicher. Schon leichte Schmerzreize können dann sehr starke Schmerzen auslösen. Oder noch schlimmer: Der Patient empfindet ohne einen entsprechenden Reiz Schmerzen.

Um erst gar kein Schmerzgedächtnis entstehen zu lassen, ist eine frühzeitige Abklärung und Therapie von Schmerzen unabdingbar. Aber auch wenn sich schon ein Schmerzgedächtnis ausgebildet hat, braucht niemand zu resignieren. Das Gehirn ist so konzipiert, dass alles wieder umlernbar ist. Ein Schmerzgedächtnis kann auch wieder vergessen werden.

Für die Behandlung von Schmerzen ist ein Schmerztherapeut der ideale Ansprechpartner. Die meisten Menschen mit Schmerzen rennen von Arzt zu Arzt. Niemand nimmt sie ernst. Das muss anders werden! Jeder Patient sollte seine eigene Wahrnehmung ernst nehmen und darauf bestehen, dass dies auch die Ärzte tun. Der Hausarzt sollte den Patienten an einen Schmerztherapeuten überweisen wenn er das Problem nicht selbst lösen kann.

Studien zeigen: Am besten ist eine Kombination aus Schmerzmedikamenten, aktivem Training und Verhaltenstherapie. Der Patient sollte zunächst den Schmerz effektiv bekämpfen, gegebenenfalls mit einem starken Schmerzmittel, das von einem Schmerztherapeuten verschrieben wird. Der Patient macht sozusagen „Schmerzferien“. In dieser Zeit der Schmerzfreiheit lernt er, wieder aktiv zu werden.

Der Patient muss lernen, dass Bewegungen keinen Schmerz verursachen und dass das Leben auch Spaß machen kann, dass man ein Konzert oder Besuch im Museum genießen kann. Alle neuen Erfahrungen prägen sich ein, werden im Gehirn abgespeichert. Nach und nach wird so das Programm „chronischer Schmerz“ überschrieben. Die körperliche Kondition und die seelische Verfassung bessern sich. Oft kann der Patient die Schmerzmedikamente nach einigen Wochen wieder absetzen oder reduzieren – und hat viel weniger Schmerzen. Im besten Fall gar keine mehr.

Gut zu wissen: Für komplizierte Fälle gibt es in verschiedenen Städten monatliche Schmerzkonferenzen, an denen Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen, Physiotherapeuten, Psychologen und Schmerzassistenzkräfte teilnehmen. Jeder Patient kann seinen Arzt darum bitten, ihn bei einer Schmerzkonferenz vorzustellen. Dort versuchen alle gemeinsam die beste Behandlung zu finden.

 

Hintergrund-Info

Schmerz – ein Warnsignal

Für Patienten mit quälenden Dauerschmerzen ist es zwar nicht mehr vorstellbar, aber: Schmerzen haben biologisch gesehen zunächst auch eine „gute Seite“. Besonders bei Verletzungen und akuten Erkrankungen sind sie eher nützlich, manchmal sogar lebenswichtig. „Gut“ sind Schmerzen immer dann, wenn sie den Betroffenen kurzfristig vor einer größeren Gefahr warnen. Millionen von winzig kleinen Nervenzellen fungieren im Körper als Schadensmelder. Verbrennen oder schneiden wir uns beispielsweise, produzieren die verletzten Hautzellen verschiedene chemische Botenstoffe. Die Schmerznerven fangen diese Botenstoffe aus dem verletzen Gewebe auf und verwandeln die Signale in elektrische Impulse. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 15 Meter pro Sekunde jagen die Schmerzimpulse durch die Nervenfasern. Der Weg führt über das Rückenmark – Ziel ist das Gehirn.

 

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